Wolfgang Baur: Privatunterhaltung Prosa

Wolfgang Baur: Privatunterhaltung Prosa

2,00 €

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Beschreibung

25 Seiten, geheftet, Titelbild von Linda Baur
ISBN 978-3-88410-000-4 , 2.00 €


Textprobe


Am letzten Montag, als ich auf dem Bahnsteig stand, fuhr ein langer Güterzug an mir vorbei, der auch meine Seele transportierte, wie mir schien. Irgendwie erleichtert, wenn auch von meinen Mitmenschen unverstanden, ging ich darauf­hin meiner normalen Beschäftigung nach. Sobald ich aber mein Geduldsspiel hervorhole, gehe ich meiner Umgebung wieder auf die Nerven. Eigentlich habe ich nicht vor, ferne Länder zu besuchen. Wenn ich das Wort ‘Wahnsinn‘ höre, fällt mir immer das Wort ‘Heizkraftwerk‘ ein, ohne daß ich dies begründen könnte. Gut, daß niemand versteht, was ich selbst nicht verstehe. Manche Geräusche kommen mir finster vor wie ein Afrikaner. Auf dem Gebiet der Kernphysik da­gegen bin ich ein Laie, ohne damit allein zu stehen, während mich die Vorstellung des Urwalds in ein quasi dämonisches Aussehen und Stimmung versetzt. Unter dem Eindruck der seltsamen Entdeckungen der Menschen denke ich an meinen Schatten, woraus sich zwanglos Allmachtsgefühle ergeben.


Ich könnte auch gut bei irgend jemand den Gehilfen spielen. Da werden Schritte laut. Es läutet an der Tür. Randphäno­mene? Der Ofenruß meines Großvaters im Winter achtzehn­achtundsiebzig - neunundsiebzig? Der neueste Abschied meines Lebens? Tantrum? Ein Ablaßverkäufer? Ein regressives Syn­drom? Es läutet ein zweites Mal.


Niemand da. Ich schließe die Tür und öffne sie ein zweites Mal. Schon wieder niemand. Wenn es tatsächlich nicht bloß in meiner Einbildung geläutet hat, dann in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Sobald ich mich erinnere, höre ich das Läuten ganz deutlich. Meine Neugier sucht einen Vorwand. Mein Verstand beschäftigt sich mit dem Wetter. Je weniger die Figur Gestalt annimmt, die nicht vor der Tür steht, desto wichtiger wird die Tür selbst. Allmählich dominiert dann doch der Reiz des Unbekannten. Alle vertrauten Perso­nen fallen sofort aus der Überlegung heraus, desgleichen alle Reproduktionen. Die Phantasie statt der Natur! Ich stelle mir vor, daß sie ungeheuer anziehend ist, verführerisch auf den ersten Blick, mit einer Schläfrigkeit in ihrem ganzen Verhalten, die gleichzeitig an allem möglichen vorbeisieht und das Eine nie aus den Augen läßt. Wer? Sie. Wer? Ich öffne die Tür, niemand. Der Wind pfeift durchs Treppenhaus.


Die Stimmen von Vorübergehenden. Autos, Lastwagen. Wenn mir nicht gleich etwas einfällt, ist es aus. Schon wieder eine neue Entdeckung: der Augenblick. Eine andere Entdeckung:

mir fällt immer wieder etwas ein. Allerdings können die Pau­sen sehr lang dauern. An der Tatsache, daß mir nichts mehr einfällt, werde ich merken, daß ich gestorben bin, was ich übrigens für unwahrscheinlich halte. Im Grunde genommen glaube ich an den Tod ebensowenig wie an Gott. Auch mei­ner Geburt stehe ich ziemlich skeptisch gegenüber,- auf jeden Fall ist sie kein Ereignis meines Lebens. Das, was mir jeweils einfällt, ist die Brücke von Festland zu Festland - nicht um­gekehrt. Der gesunde Menschenverstand empört sich gegen meine Ansichten, er fühlt sich pflichtschuldigst in Wut ver­setzt. Ich dagegen denke immer nur an sie: sie macht es so­gar für Geld.