Wolfgang Baur: Madeleine und der Streit der Elektriker Handbuch der Krisenexperimente

Wolfgang Baur: Madeleine und der Streit der Elektriker Handbuch der Krisenexperimente

18,00 €

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Beschreibung

168 Seiten, gebunden, Grafik von Georg Baur
ISBN 978-3-88410-059-2 18.00 €


Textprobe


Eine Sitzung des Deutschen Bundestags (nach dem offiziellen Protokoll)

Präsident: Das Wort hat der Abgeordnete Müller-Schwenningen.

Müller-S.: Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Um das auszudrücken, was mich hier und jetzt in dieser Stunde bewegt, ist es erforderlich, daß ich Ihnen den Traum erzähle, den ich vergangene Nacht . . . selbst geträumt habe. (Hört! Hört! Raunen, Unruhe)

Müller-S.: Mir träumte, ich ginge durch einen tiefen dunklen Wald, der so dicht war, daß die Sonne ihn kaum durchdringen konnte. Alles war ganz still, kein einziger Vogel sang. Das Rauschen der Bäume war nur von Zeit zu Zeit zu vernehmen, so wie wenn jemand einen Lautsprecher auf und wieder zu dreht. Das war sehr sonderbar. Ich ging so für mich hin, es war nicht gerade schön, aber auch nicht gerade schrecklich. (Raunen, Husten, Unruhe) Da plötzlich hörte ich hinter mir ein Motorengeräusch. Ich sah mich um und erblickte einen Omnibus, der sich rasch näherte. Der Omnibus kam heran und überholte mich, dabei sah ich, daß kein Mensch in dem Omnibus saß, und, was mich besonders verwunderte, es saß auch kein Fahrer in dem Omnibus. (Unruhe)

Präsident: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Rohleder.

Müller-S.: Aber gern.

Rohleder: Herr Kollege, sind Sie mit mir der Meinung, daß es dem Ansehen dieses Hohen Hauses nicht gerade dienlich ist, wenn Sie uns unwirkliche, völlig unrealistische Begebenheiten auftischen - was freilich Ihrem Stil wie dem Stil Ihrer ganzen Partei durchaus entspricht. (Beifall, Buh-Rufe)

Müller-S.: Ich bin n i c h t Ihrer Meinung, Herr Kollege, ich muß es betonen, und daran kommt niemand vorbei, ich habe es so geträumt, der Omnibus war wirklich leer! An dieser Tatsache können Sie nicht rütteln! Wie Sie diese Tatsache interpretieren, das ist eine andere Frage. (Ein Moment Ratlosigkeit)

Müller-S.: Ich will nun weitererzählen. Der Omnibus war in der Ferne verschwunden, die Waldeinsamkeit hatte mich wieder umfangen. Nach kurzer Zeit hörte ich abermals ein Motorengeräusch hinter mir, und wieder war es ein Omnibus, der sich näherte, an mir vorbeifuhr und verschwand. Auch dieser Omnibus war leer. (Wachsende Unruhe) Dieser Vorgang wiederholte sich in regelmäßigen Abständen. Es sind mindestens - warten Sie - mindestens 40 bis 50 leere Omnibusse an mir vorbeigefahren, wenn nicht noch mehr. (Hört! Hört!, Gelächter, ironischer Beifall, wachsende Unruhe) Als ich mich schon damit abgefunden hatte, daß es immer so weitergehen würde, näherte sich mir ein Motorrad. (Gelächter) Auf dem Motorrad saß eine hübsche junge Dame mit blonden Haaren. (Aha-Rufe, Hört! Hört!) Sie hielt an, als sie mich erreicht hatte, und fragte mich, ob ich einen Omnibus gesehen hätte. (Gelächter) Ich erwiderte ihr, daß ich nicht einen Omnibus, sondern recht viele gesehen hätte. (Heftige Unruhe, Protestrufe, Stimmen durcheinander, Glöckchen des Präsidenten)

Präsident: Ich bitte um Ruhe. Ich bitte um Ruhe. Herr Abgeordneter, dauert Ihr Traum noch lang. Fahren Sie fort. (weiter Unruhe, Glöckchen des Präsidenten, langsam kehrt Ruhe ein)

Präsident: Herr Abgeordneter, erlauben Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Schmidt- Gunzenhausen?

Müller-S.: Gern.

Schmidt-G.: Herr Kollege, gehen Sie mit mir überein, wenn ich behaupte, daß die Darstellung sexueller Perversionen nicht zu den Gepflogenheiten dieses Hohen Hauses gehört und auch in Zukunft nicht gehören sollte.

Müller-S.: Ich stimme voll und ganz mit Ihnen überein, sehr geehrter Herr Kollege.

Schmidt-G.: Aber Sie erzählen diese Schweinereien! (Tumult, immer heftiger werdend, Glöckchen des Präsidenten)

Müller-S.: Ich würde jetzt gern meinen Traum weiter erzählen. Ich würde jetzt gern meinen Traum weiter erzählen. Ich würde ... (der Tumult wird noch heftiger)

Präsident: Ich unterbreche die Sitzung für 15 Minuten.