Rita Wirthmüller Die Hammerschmiede in Fraundorf

Rita Wirthmüller Die Hammerschmiede in Fraundorf

14,80 €

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Beschreibung

64 Seiten, gebunden, mit zahlreichen SW-Photographien
ISBN 978-3-88410-081-3 , 14.80 €


Textprobe


Meine Schwestern und ich hatten das typische dumpfe und doch hallende Pochpoch des schwingenden Hammers ebenso in unseren Ohren wie unser Vater und dessen Vater und so viele vorher. Es war immer da. Auch wenn der Hammer ruhte. Und es gab Zeiten, da schreckten wir auf, wenn der Hammer nicht pochte, obwohl er doch nachts abgestellt war. Während er schon schlug, wenn wir erwachten, und noch immer pochte, wenn wir schon wieder einschliefen.

Seit wir in unserer Familie zurückdenken können, hat es Schmiede in ihr gegeben, - seit „unfürdenklichen Zeiten“, wie der Großvater immer sagte. Der Beruf gehörte zur Familie, die Zünfte ließen nicht leicht Seiteneinsteiger hineinwachsen, wobei eine verwitwete Meisterin mit dem Schmiedsrecht durchaus auch einmal einen Berufsfremden heiraten konnte, wenn der bereit war, das Schmiedehandwerk bis zur Meisterschaft nachträglich zu erlernen.

In Frauendorf hat es schon lange die Hammerschmiede gegeben, in der ich mit meinen Schwestern aufgewachsen bin. Das Geschlecht der Frauendorfer wird zwischen 1120 und 1165 als ‘Frauendorf’ und ‘Frawendorf’ in Urkunden des Klosters Baumburg erwähnt. Sie waren unzweifelhaft Eigner der Hammerschmiede zu Frauendorf.

Frauendorf liegt in einem kleinen Tal in Niederbayern, dem Tal der Gera, die heute ein kleiner Bach ist, und an deren Ufer Erlen wachsen. Die Hammerschmiede, früher auch Schleiferei und Waffenschmiede, lag 300 Meter vom Dorf entfernt unten am Bach. Hammerschmiede, die die Wasserkraft nutzten, wohnten häufig abseits der eigentlichen Dörfer. Die Schmiede war ein 14 Meter langes Gebäude, daneben stand eine kleine Kohlenhütte. Ursprünglich hatte sich die Schmiede auf der rechten Seite des Baches befunden, war aber wegen der vielen Hochwasser auf die linke versetzt worden. Denn wenn alles überflutet war, konnten die Schmiede nicht mehr über den Bach und die Leute nicht mehr zur Schmiede.

Ein Dorf ohne Schmied war früher schlechterdings undenkbar. Man traf sich beim Schmied, erfuhr und berichtete Neuigkeiten, sah die Funken in den rauchgeschwärzten Werkstätten herumfliegen, knüpfte daran alte Sagen und erfand neue. Obwohl die Hammerschmiede abseits des Dorfes lebten, weil sie sich den günstigsten Wasserplatz suchen mußten und Dörfer früher grundsätzlich nicht in hochwassergefährdete Flußauen gebaut wurden, standen sie in höherem Ansehen als die ebenfalls abseits angesiedelten Wasner und Müller. Wasner, die gefallenes Vieh zu verschafen hatten, hie und da auch die Leichen von Selbstmördern, waren wirklich mißachtet wegen ihrer Tätigkeit. Den Müllern traute man von Haus aus nicht, die konnten nie erklären, warum bedeutend weniger Mehl ausgeliefert wurde, als Getreide gebracht worden war.

Mein Großvater, der die alte Hammerschmiede in Frauendorf übernommen hat, stammt aus Vorchdorf in Oberösterreich, einem verträumten Städtchen zwischen Linz und Salzburg. Die bunten Barock- und Biedermeier-Fassaden Vorchdorfs strahlen heute noch jene Gemütlichkeit aus, die ich aus den Erzählungen meines Vaters kenne. Ob sein Vorfahr, Georg Rosensteiner, aus Molln hierher zog, weil er Apollonia Pöchmüller, „des Wolf hinterlassene Witib Pfannenschmiedmaister im Mühltal“ am 15. September 1690 zur Frau nahm, ist nicht bekannt. Aber er muß Schmied gewesen sein, und der Name seiner Frau deutet mit seinem ‘Pöch’ unzweifelhaft auf den Hammerschmied. 1713 starb Georg Rosensteiner, und sein Sohn Felix, „der Glückliche“, heiratete 1724 die Regina Hampflmeier, „des Preumeister zu Eggenberg seine Tochter“, womit er nun wirklich im Glück schwamm, wie sein Name sagt - war doch seine Familie nunmehr fest im Honoratiorenkreis der Gemeinde etabliert, und obendrein finanziell besser gestellt als die meisten seines Standes. Denn „das Geld ist allemal, wenn nirgendwo, so doch beim Bräu“.