Jürgen Sebald: Kamikaze und andere Stories

Jürgen Sebald: Kamikaze und andere Stories

6,80 €

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Beschreibung

224 Seiten, gebunden, Edition u, hrsg. von Ursula Baur, Taschenbuch
ISBN 978-3-88410-400-2 , 6.80 €


Aids

Es fing alles ganz harmlos an. Helmut - drogensüchtig, arbeitslos, Sozialhilfeempfänger - suchte eine Freundin. Und dann hatte er eine. Petra, ein früheres Fotomodell und Krankenschwester, arbeitslos, drogensüchtig und Sozialhilfeempfängerin. Und: Ohne Wohnung. Sie zog zu Helmut. Zu zweit lebten sie dann auf 20 qm. Sie liebten sich. So ging es dann einige Monate ganz gut. Woher Helmut dann Aids bekam, weiß ich nicht. Schließlich hatte sie es auch. Und sie war verbittert. Schließlich nahmen es dann beide hin, daß sie bald genauso am Friedhof liegen würden, wie alle vor und nach ihnen auf dem Friedhof liegen würden. Ja, sie entwickelten eine Lebensfreude darüber. Schließlich wird nicht jeder, der sterben muß, vorgewarnt. Sie bekamen dann von Freunden ein paar Mark zur Sozialhilfe zugesteckt und gingen damit, - es war damals Sommer -, in die Biergärten. Und man hörte sie sogar lachen. Sie liebten sich und sie wünschten sich, Arm in Arm zu sterben. Die Joints ließen für einige Stunden Aids vergessen. Je kürzer die Zeit, umso mehr freuten sie sich sogar manchmal. Es war sogar etwas Genuß, unter Kastanienblättern zu sitzen und früher als der "Normalbürger" den Tod serviert zu bekommen, und sich vorstellen zu können, daß es danach weitergeht. Und hier auf diesem Planeten nichts mehr tun zu müssen. Sie lachten - je näher - die Menschheit sogar aus. Genossen ihr Bier und aßen in der Wirtschaft, was sie eben gern essen wollten. Und jetzt sind sie nicht mehr. Oder haben sie sich doch nicht getäuscht und leben irgendwo im Himmel in einer größeren Wohnung. Oder auf einem Rauschgiftplaneten, von dem sie oft erzählten. Auf dem Drogen legal seien wie auf unserem das Bier. Ich wünsch es ihnen.